" WUSSTEST DU ...? "

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INTRO

Die Semester fing mit pneumatischen Experimenten an. Wir sollten die vorgestellten kinematischen Prinzipien verstehen, bearbeiten und als Basis für unseren Entwurf eines transformativen Raums nutzen. Ich habe mich mit dem Scherenprinzip und dem Faltenbalg (dem Prinzip einer Harmonika) beschäftigt. Ich versuchte diese Systeme umzubauen und zu skalieren, um sie auf einen Raum oder Ort zu übertragen. Während ich das Prinzip der Harmonika analysierte, wuchs mein Interesse an den Geräuschen, die diese Mechanismen erzeugen. Ich sah sie auch als einen Teil der Transformation. So entstand die Idee, bei der Transformation von Räumen vor allem Klang und Geräusch in den Vordergrund zu stellen. Ich unternahm Recherchen zu verschiedenen Arten von Geräuschen, um herauszufinden, mit welchen Geräuschquellen und welcher Art von Klanglandschaften ich mein Projekt entwickeln könnte.

 

KLANGINSTALLATIONEN  

In der gleichen Zeit habe ich mir auch Künstler und Architekten näher angeschaut, die sich in ihren Arbeiten mit Klängen und Geräuschen beschäftigen. Unter ihnen fand ich Yuri Suzuki,  Zimoun, Berhard Leitner und  Katarzyna Krakowiak besonderes interessant. 

 

Yuri Suzuki ist ein japanischer, in Großbritannien lebender Klangkünstler, Designer und  Musiker im Bereich elektronischer Musik, der die Besonderheit von Tönen und Geräuschen in Relation zu selbst gestalteten Werkstoffen untersucht, und dabei zu neuartigen  Objekten und Räumen kommt.

 

Der Schweizer Künstler Zimoun arbeitet mit natürlichen Klängen. Er gestaltet Räume, in denen der Klang nicht ausgestrahlt, sondern durch Werkstoffe (Karton, Kunststofffolien und andere alltägliche Materialien) und Bewegung kreiert werden. Die Arbeiten haben oft einen seriellen Charakter, die Wiederholung ist für Zimoun sehr wichtig.

 

Die Installationen des Österreichers Bernhard Leitner hatten für meinen Entwicklungsprozess eine große Bedeutung. Seine Idee ist es, den Raum - verstanden als einen Ort mit Wänden - durch den Klang zu bauen. Er hat sich viel damit beschäftigt, wie unserer Körper durch Klang beeinflusst ist und fragt "Wie und womit hört man?"

 

Für meinen Entwurf wichtig waren vor allem auch Künstler, die sich mit den Klängen der Stadt beschäftigen. Der polnische Pavillon für die Architektur-Biennale in Venedig 2012 wurde von der Künstlerin Katarzyna Krakowiak und dem Kurator Michał Libera gestaltet. "Making the walls quake as if they were dilating with the secret knowledge of great powers." ist ein Raum, dessen eigene Geräuschcharakteristik (z.B. der Klimaanlage) verstärkt und nach außen gekehrt wird. Der Raums selbst ist der Akteur und wird lebendig, seine klanglichen Transformationen lassen sich im Zittern der Wände erfühlen.

 

 

Aus Buchquellen habe ich ein paar Zitate ausgewählt,  die mir halfen, einen Weg zum Entwurfskonzept zu finden:

- "Eyes closed but no ears (..)" Michał Libera.

- " A walk through the sound and perceives it as bodily expirience not just hears with the ears.  (... ) - Eugen Blume about  the sculptures of Bernhard Leitner. 

- " (...) It's the sound that you hear when you hear when there is a silence in between words and sentences. It’s a trashy thing because in this seemingly kind of a quiet sound, some feelings can be brought in and a certain kind of picture of a bigger world can be made. (...) " - David Lynch 

- "(...) Space can be defined by the lines of sound. (...) Non linear movements of sound between two or a larger number of loudspeakers accentuate points in space : they mark out space  physically and simuntaneously give it an expressive shape." - Bernhard Leitner

- "(...) One of the foundings was that hearing shouldn't be equated with with a sense of organ "ear" since our entire body is exposed to the sound waves.(...)" - Bernhard Leitner

- "I sense with entire body with my skin, whether or not I can easily speak in a room. That's an acoustic subcouncious that everyone has." - Berhard Leitner

- " Każda  społeczność posiada własne sygnały dźwiękowe , które są ekspresją systemu działań wzorów zachowań i preferecnji.

 

KONZEPT 

Nachdem ich verschiedene Betrachtungsweisen zu Klängen, Tönen und Geräuschen recherchiert hatte, entschied ich mich, den Fokus auf Soundscapes, Geräuschlandschaften in der Stadt zu legen.

Der erste Schritt war, der Stadt bewusst zuzuhören und auf bestimmte Fragenstellungen zu antworten:

Wie sehen die öffentlichen Räume von Städten aus? 

Wie bewegen die Menschen sich und wie fühlen sie sich in den öffentlichen Räumen? Wie nutzen die Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel? Wie  fühle ich mich in öffentlichen Räumen?

Wie sind Geräusche an bestehenden Situationen beteiligt?

Welchen Einfluss haben die Geräusche auf das menschliche Zusammenleben? 

Welchen Einfluss hat der Klang auf die öffentlichen Räume?

Was verstehe ich unter Lärm? Was bedeutet "Es ist  zu laut" und "Es ist leise"? 

Die öffentlichen Räume der Städte sind ein breites Thema, das in ein paar Sätzen unmöglich zu beschreiben ist.  Auch Berlin hat natürlich seine eigene Amplitude, mit den Touristen-Orten, die stark besucht sind, und den leisen Vororten, wo man vergisst, dass es noch eine der größten europäischen Städte ist. Ich wollte mich auf Verkehrssituationen konzentrieren, wo das Zusammentreffen der Einwohner am deutlichsten erlebbar ist.

Es passiert, dass die Leute ruhig in der Bahn sitzen und gedankenverloren aus dem Fenster oder auf die anderen Mitfahrer schauen. Manchmal  mustern sie sie auch genauer. Manchmal lesen oder reden sie miteinander.  Sie setzen auch die Kopfhörer auf, um sich in einer anderen Umgebung zu fühlen. Das mache ich auch manchmal. Manchmal höre ich auch den anderen Leuten zu. Es interessierte mich immer, wie unterschiedlich wir als Menschen sind. So machen es auch die anderen. Nachdem man nach Hause gekommen ist, erzählt man sich vielleicht Geschichten aus dem öffentlichen Stadtverkehr. Dies ist doch eine der  bekanntesten Informationsquellen: das Reden und das Zuhören. Das Flüstern der Stadt.

Manchmal schließen die Leute ihre Augen und lassen die Kopfhörer auf den Ohren, obwohl es drinnen keine Musik gibt.

Wir sind mit visuellen Informationen getränkt. Die öffentlichen Räume sind auch voll mit Grafik- oder Film- Elementen. Unsere müden Augen verlieren die Aufmerksamkeit. In der gleichen Zeit, wie wir alle die schon vorbereiteten Bildern der Wirklichkeit und der Welt empfangen, verlieren wir unsere Fantasie. Wir brauchen sie nicht zu nutzen, weil alles definiert und beschrieben ist.

Unsere Ohren sind auch müde. Trotzdem verliert der Gehörsinn seinen Einfluss auf unsere Vorstellungskraft nicht. Es bringt uns immer in eine neue Welt, ob man es will oder nicht.

Das erzählte auch David Lynch in einem von seinen Texten, aus dem ich zwei Sätze zitieren möchte:

" Everytime I hear the sounds I see pictures. Then I start getting ideas. It just drives me crazy. "

" Sound is almost like a drug. It's so pure that when it goes in you ears, it instantly does something to you. (...) "

In dem Buch "Audiosphäre" aus dem Verlag der Universität Breclau liest man, dass die Klanglandschaft, die uns alltäglich begleitet, für uns nicht hörbar ist. An diese Geräusche sind wir gewöhnt. Das passierte auch mit mir. Ich bin im Oktober in den Wedding umgezogen. Als ich den ersten Tag dort in meinem Zimmer saß, dachte ich, dass ein großes  Gewitter kommt. Dann kam die Überraschung als ich verstand, dass es keine Gewitter sondern die Flugzeuge sind, die alle fünf Minuten ganz in der Nähe vorbeifliegen. Interessanterweise: nach ein paar Tagen habe ich die Flugzeuge gar nicht mehr gehört. Offensichtlich sind die Geräusche eines der wichtigsten Kriterien, die öffentliche Räume kreieren. Das konnte ich auch bemerken, als ich die Aufnahme aus meinem „Berliner Fenster" in Danzig hörte und mich mit meinen Gedanken schnell in der Wollankstraße fand.

Mit diesem Thema beschäftigte sich auch Michał Bączyk in seiner Installation "Od-głosy w zaułkach": "Das neue Geräusch in der Geräuschlandschaft erkennt man gut, es hilft den Leuten, sich aus der alltäglichen Routine freizusetzen. Wahrscheinlich helfen solche Projekte, die Bedeutung und das Außergewöhnliche der Geräusche bestimmter Orte wiederherzustellen."

In der englischen Sprache gibt es zwei unterschiedliche Worte, die ich besonderes wichtig finde, um dieses Thema zu beschreiben: "to hear" and "to listen". Also, bei "to hear" hört man ein Geräusch, aber konzentriert sich nicht darauf. Aus diesem Grund verliert das Geräusch seine Bedeutung. In diesem Kontext wollte ich "to hear" gegen "to listen" austauschen.

... und das führte mich zum nächsten Schritt im Gedankenprozess.

Das Hörgedächtnis ist eine große Kraft. Man braucht nur ein paar Noten zu hören, um sich an die ganze Musik und das Stück zu erinnern, oder ein paar Worte, um sich an die ganze Vorlesung zu dem Thema zu erinnern. Nachdem ich die Musikschule abgeschlossene hatte, habe ich diese Kraft oft für die Vorlesungen an der Universität genutzt. Die Tonerinnerungen sind aber besonders deutlich. An ein paar charakteristische Töne kann man auch nach einem langen Zeitraum leicht erinnern.                     

Ein interessantes Thema ist auch das gemeinsame subjektive Tongedächtnis. Menschen die am gleichen Ort, in der gleichen Geräuschlandschaft wohnen, haben auch eine ähnliche Tonempfindlichkeit.

Deswegen wollte ich eine Installation, einen Raum kreieren, in dem man die Außergewöhnlichkeit der alltäglichen Klanglandschaft bemerken und erfahren kann. Die Installation sollte an einem oft besuchten Ort platziert sein. Die erste Idee war, eine Installation für den Potsdamer Platz zu konzipieren. Dort treffen sich in der städtischen Umgebung jeden Tag tausende von Menschen. 

Als ich über Weihnachten in Danzig war und Aufnahmen der Stadt sammelte, verstand ich, wie erkennbar die Geräusche von Danzig für mich sind. Ich erfuhr auch die Nähe und den tiefen Einfluss der Geräusche von Danzig auf meine Erinnerungen. Das Gleiche passierte, als ich nach Berlin zurückkam. Die besondere akustische Umgebung der Stadt war viel deutlicher und erkennbarer.

Wenn wir einen Ort verlassen, ist er auch nicht mehr Teil unseres gewohnten Lebens; dafür bekommt er aber eine starke Wiedererkennbarkeit durch unsere doppelte Erinnerung in unserem visuellen und akustischen Gedächtnis.

Ich wohne seit sechs Monaten in Berlin, was keine lange Zeit ist, doch die Geräuschlandschaft der Stadt ist mir schon sehr vertraut. Trotzdem sind meine Ohren noch nicht ganz unempfindlich geworden. Ich habe auch schon "meine eigenen Wege" durch die Stadt, denen ich täglich folge. 

Viele andere Menschen bewegen sich auf diesen Wegen mit mir mit. Sie sind eigentlich die Leute, durch die ich die öffentlichen Räume von Berlin kennen lerne. Ich fragte mich, warum soll ich nicht mein Projekt den Einwohnern, mit denen ich Berlin im Alltag erfahre, widmen? Ich fing mit dem Versuch an, die auffälligen Töne an den Orten, die ich im Alltag besuche, zu finden. Die ich gut kenne, auch wenn sie nicht beliebt sind. Und ich erinnerte mich fast direkt an ein besonderes Geräusch.

Jeden Tag gehe ich aus der Wohnung und durch das hölzerne Treppenhaus nach draußen. Ich öffne die große Altbautür und bin auf der Nordbahnstraße. Auf der anderen Seite befindet sich der Eingang zum Aufzug des S-Bahnhofs Wollankstraße.

Die Station ist über der Straßenebene gelegen. Sie ist sehr lang und hat zwei Ausgänge, die sich an den zwei Enden des Bahnsteigs befinden. Deswegen ist der Aufzug für die Leute, die im dazwischen liegenden Teil der Nordbahnstraße wohnen, eine oft benutzte Alternative, um schnell zum Bahnsteig zu kommen. Diese Lösung wählte auch ich jeden Tag.

Besonders interessierte mich nun die Tonerfahrung, die diese kurze Reise begleitet. Der Ton des modernen Aufzugs klang für mich immer wie die Stimme eines Menschen. Wie ein menschlicher Geist der innen eingeschlossen ist. Dieser besondere Ton erschien immer nur während der Bewegung der Aufzugtür. Ich fragte mich, ob andere Leute auch solche Assoziationen haben.

Meine Entscheidung war, mit anderen Weddingeinwohnern diese Geräusch-Assoziation zu teilen. Als nächstes suchte ich zuerst aber nähere Informationen über diesen Ort : 

 

 

S-Bahnhof Wollankstraße. 

Der S-Bahnhof wird von den Linien S1, S25 und S85 der Berliner S-Bahn bedient. Es besteht eine Umsteigemöglichkeit zu den Omnibuslinien 250, 255 und M27 der Berliner Verkehrsbetriebe. Ich komme zur Universität mit den S-Bahn Linien S1 oder S25, dann steige ich um und fahre mit der U7 bis zum Kleistpark. 

Der Bahnhof Wollankstraße ist ein Bahnhof an der 1877 eröffneten Berliner Nordbahn. Er liegt im Berliner Ortsteil Pankow des gleichnamigen Bezirks.

Bei seiner Eröffnung hieß der Bahnhof noch Prinzenallee und war bis 1891 nur ein Bedarfshalt. Aufgrund seiner Lage im Berliner Bezirk Pankow wurde er 1879 in Pankow (Prinzenallee) und 1893 in Pankow (Nordbahn) umbenannt. Am 1. Mai 1911 wurde der Namenszusatz entfernt.

 

Nach der Hochlegung der Strecke im Jahre 1903 wurde der Haupteingang von der Sternstraße zur Wollankstraße verlegt, der Zugang von der Sternstraße blieb aber erhalten. Als eine der ersten Strecken wurde die Nordbahn elektrifiziert, sodass die S-Bahn hier ab dem 5. Juni 1925 Einzug hielt. Am 3. Oktober 1937 bekam der Bahnhof seine heutige Bezeichnung Wollankstraße.

 

Auf Grund von Kriegsschäden blieb der Bahnhof von April bis Juni 1945 geschlossen, der elektrische Betrieb wurde am 19. Juli 1945 wieder aufgenommen.

 

Aufgrund seiner Lage stellte der Bahnhof nach dem Mauerbau eine Besonderheit dar: Er gehörte zum westlichen Teilnetz der S-Bahn, lag aber im damaligen Ost-Berliner Stadtbezirk Pankow. Er war in Betrieb, hatte einen geöffneten Ausgang zum Westsektor direkt auf der Grenzlinie und konnte daher vom Westteil aus ohne Kontrolle benutzt werden. Ein Schild neben dem Eingang wies Passanten auf diese Situation hin. Die Mauer verlief unmittelbar östlich des Bahnhofs, seine Zugänge Richtung Ost-Berlin waren versperrt. Der Bahnhof bot zu Anfang einen Ausblick in Ost-Berliner Wohnungen, später auf den sogenannten Todesstreifen. Aufsehen erregte er im Jahre 1962, als nach einer Senkung der Bahnsteigoberfläche ein Fluchttunnel entdeckt wurde, der durch das S-Bahn-Viadukt vom Westen aus gegraben worden war.

 

Nach der Übernahme der S-Bahn in West-Berlin am 9. Januar 1984 durch die westlichen Gremien wurde von der BVG nur noch ein „Rumpfbetrieb“ bei der West-S-Bahn durchgeführt, Wollankstraße gehörte nicht dazu. Aufgrund von Protesten u. a. der Frohnauer Bürger wurde die S-Bahn-Strecke in Richtung Frohnau (an der sich auch der Bahnhof Wollankstraße befindet) am 1. Oktober 1984 wieder in Betrieb genommen. Durch seine besondere Lage unterstand der Bahnhof jedoch der Verwaltung der Reichsbahndirektion Berlin. Das Personal für den Bahnhof kam bis zur Wiedervereinigung aus Ost-Berlin und trug die Uniform der DR. Die Zugabfertiger erreichten den Bahnhof durch eine kleine Tür, die sich unmittelbar an die Grenzsicherungsanlagen anschloss. Die Bahnhofsausstattung entsprach dem DR-Standard.

Inmitten all dieser Informationen interessierte mich besonderes eine: an dem Ort, an dem ich jeden Tag vorbei gehe, gruben Leute - wahrscheinlich unter dramatischen Umständen - einer Flüchtlingstunnel. Einen echten Ausgang zur "freien Welt". Diese Information berührte mich stark... Wie viele Leute, die diesen Bahnhof nutzen, kennen diese Geschichte ? Wie viele Leute wissen darüber überhaupt etwas?

Diese Information führt einen neuen Wert in mein Projekt ein. Es sollte nicht mehr nur die Aufmerksamkeit auf die Audiosphäre, in der man lebt, lenken, nicht nur die Ton-Empfindlichkeit verbessern und eine besondere Geräuscherfahrung schaffen, sondern auch das Thema der versteckten Wirklichkeiten ansprechen. Man lebt an Orten, die eine unbeschreiblich Vielfalt von Geschichten in sich tragen.  Ich stellte die Frage: Wie viel weiß man über seine Umgebung ? Wie stark ist das Bewusstsein davon ?

In diesem Kontext bekommt mein ortsspezifisches „Lokalprojekt“ eine generelle Bedeutung.

ENTWURF

Die Transformation des Raumes geschieht durch die bearbeiteten Geräusche, die ich in den Raum zurückspiele. Sie ist nicht sichtbar, sondern liegt im Erlebnis des Geräuschs, d.h., sie ist in erster Linie hörbar.

Zur Endform des Projekts komme ich durch verschiedene Fragestellungen:  

- In welcher Richtung soll sich das ausgewählte Geräusch entwickeln ?

- Welche Stimmung soll die Tonspur vermitteln?

- Wie lang soll das Klangerlebnis dauern?

- Wie "sichtbar" soll mein Projekt sein?

- Welche visuelle Form soll es bekommen?

- Soll das Projekt durch grafische Erklärungen unterstützt werden?

Um Antworten zu finden, erarbeitete ich Szenarien dieses Erlebnisses und ergänzte sie durch Zitate von fiktiven Betrachtern.

Wie könnte es ein Betrachter, als "S-Bahn-Geschichte" erzählen ... :

Sascha L. , 31 J., Berlin Wedding-Einwohner 

"Nach einem ganzen Tag auf der Arbeit und an der Uni bin ich an dem Weg nach Hause gewesen. Der gleiche Weg, die gleichen Orte, fast die gleiche Geschichte... wie immer. Ich bin raus aus der S-Bahn. Der Aufzug fährt natürlich endlos langsam. Unten angekommen, geht die Tür auf, und draußen hat es dann plötzlich angefangen. Dieser seltsame Ton .. wie eine Mischung aus Stimme und pfeifendem Wind, würde ich sagen... hm. Ein ganz menschlicher Ton. Zuerst habe ich gar nicht verstanden und eigentlich auch gar nichts "ungewöhnlich" gefunden. Es sieht aus wie immer... nur diese Stimme, die aus den Wänden geklungen ist, wie sprechende Wände. Und dann, am Ende dieses technischen und menschlichen „Windgeräuschs“  habe ich ein Flüstern gehört. Da war zu hören: "Es gab hier einen Flüchtlingstunnel"... und dann die Frage "Wusstest du, dass es hier ein Flüchtlingstunnel gab?" Danach habe ich mir diese leichte, dünne Konstruktion an den Wänden angeschaut. Und ich habe einen QR-Code gefunden und recherchiert. Wirklich, es gab hier einen Flüchtlingstunnel! Wusstest DU darüber?

Wie könnte diese Erlebnis in der Umfrage beschrieben sein ?

1.  Alexander, 54 J., Wedding-Einwohner 

" (...) Nein, ich habe keine Ahnung gehabt. Ich wusste es nicht. Ich muss etwas mehr darüber lesen. Erst habe ich die technischen Geräusche gehört, die sind allmählich in menschliches Flüstern übergegangen."

2.  Margaret, 76 J., Wedding-Einwohnerin

" (...) Natürlich ist mir das bekannt ... Ich weiß ... ich wohne hier schon lange. Dieses Geräusch klingt ein bisschen bedrohlich, trotzdem ist das ein interessanter Weg, um sich an die Geschichte zu erinnern ... "

3. Desiree, 32 J., Wedding Einwohnerin

" (...) Ja, ich weiß das ... Es ist gut, dass hier im Wedding etwas passiert! Und dieser seltsame Ton ... wie eine Mischung von einer Stimme und einem Windpfeifen, aber irgendwie auch technisch, würde ich sagen ... " 

4. Ilker, 12 J., Wedding-Einwohner

" (... ) Es war überraschend! Toll!!! Jetzt weiß ich! Ich habe den QR- Code gelesen. Flüchtlinge hier! Krass!"

Von Anfang an war ich mir sicher, dass ich mit der Ästhetik des Orts arbeiten und von dort meine visuelle Gestaltung ableiten wollte.

Der historische Bahnhof ist aus roten Ziegeln gebaut. Der an der weißen Fliesenwand platzierte Edelstahl-Aufzug erscheint demgegenüber als ein zeitgenössischer, technischer Eingriff.

Zur visuellen Form habe ich zwei Gedanken. Ich wollte, dass der Höreindruck, durch eine Vielzahl von Tonspuren, auch die Vielzahl der durch den Tunnel laufenden Flüchtlinge (ihre Mehrstimmigkeit) vermittelt. Aus dem gleichen Grund plante ich eine große Menge an Lautsprechen, so dass durch jeden eine Geschichte erzählt wird. Ein Wind von Flüstern und Stimmen.

Die erste Idee war, mit der Form von Ziegeln zu arbeiten. Ich entwarf ziegelförmige weiße Lautsprecher, die als das Neue den alten Ort besetzen und durch neue Geräusche die alte Geschichte erzählen sollten.

Dann rückte die Form des Tunnels ins Zentrum. Ich wollte sie als visuelle Unterstreichung der Information nutzen. Auf einem Gerüst wurde ein Netz von kleinen Lautsprechern montiert. Das Gerüst sollte schwarz sein und möglichst wenig sichtbar. Gleichzeitig würden bei Verwendung des Gerüsts die Wände unbeschädigt bleiben.

Am Anfang wollte ich auch einen kurzen Text zur Unterstützung der Installation an den Nebenwänden anbringen. Diese Idee ließ ich aber wieder fallen, da m. E. die  öffentlichen Räume mit visuellen Informationen ohnehin schon überfüllt sind. Lasse ich aber einen kleinen QR Code am Boden, so können die Betrachter sich schnell vergewissern, dass sie richtig gehört haben.

Nachdem ich über die verschiedenen Richtungen des visuellen Entwurfs nachgedacht hatte, fiel die Entscheidung schließlich auf ein dünnes Metallgerüst, das die Form des Raums wiederholt und als Struktur an den Wände montiert wird. An dieser Form werden die Lautsprecher befestigt. 

Dann kam ich zur Form der Ziegel zurück, und weil ich über die Vergangenheit erzählen wollte, entschied ich mich, schwarze Farbe für die Lautsprecher zu verwenden.

Die Idee ist, aus den aktuellen Geräuschen heraus zu den Geschichten aus der Vergangenheit zu kommen. Entsprechend habe ich die Tonspur konzipiert. Erst hört man technische Geräusche, die allmählich in menschliches Flüstern übergehen. Das Geräusch wie der Ort tragen die gleiche Geschichte. 

Die Installation beginnt, wenn der Betrachter den Knopf des Aufzugs auf dem Bahnsteig drückt. Nach 10 Sekunden - der Dauer des Aufzugfahrens – kommen die erste Klänge aus den Wänden heraus. Die ganze Aufnahme dauert 30 Sekunden. Ich habe auch überlegt, ob es kürzer sein sollte, bin aber dann dabei geblieben. Die letzten 5 Sekunden hört man die Frage : "Wusstest du, dass es hier früher einen Flüchtlingstunnel gab?", und mit dieser Frage möchte ich die Betrachter hinausgehen lassen.