up'n downdiscover the tides

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Der Alltag des Menschen war ursprünglich stark an die Vorgänge der Natur gebunden, jedoch der Einsatz von Technologie fördert eine Entfremdung von den naturgegebenen Rhythmen. Könnte man Technik nicht im Gegenzug auch dazu einsetzten, um diese Beziehung zu stärken? 
 
Gezeiten - die Aufeinanderfolge von Ebbe und Flut ist ein periodischer Zyklus, der im wesentlichen durch die Anziehungs- und Fliehkräfte zwischen Erde und Mond, in geringem Maße auch der Sonne, gebildet wird. Dabei entstehen zwei Flutberge, die von der Anziehungskraft des Mondes und der Fliehkraft des Erde-Mond-Systems gebildet werden und auf dem offenen Meer eine Höhe von einem knappen halben Meter erreichen. In ihrer kontinuierlichen Rotation bewegt sich die Erde unter diesen beiden Flutbergen hinweg und lässt so zweimal täglich Hoch- sowie Niedrigwasser entstehen. Der sechsstündige Wechselvorgang, zwischen ab- und zufließendem Wasser legt dabei weltweit Küstenstreifen frei und bestimmt die Flora und Fauna im und ums Wattenmeer. Die dort vorkommenden Lebewesen existieren in Symbiose mit den permanent wechselnden Bedingungen. Besonders charakteristisch ist das Freilegen und Überschwemmen von Land, welches temporäre Muster im Sand hinterlässt und diese gleichermaßen wieder einebnet und bereinigt. Es ist ein ewiger Kreislauf zwischen Kreation und Auflösung. 
 
Mal „vergeht die Zeit wie im Flug“, mal „dehnt sie sich vermeintlich bis in alle Ewigkeit“.
 
Meist wird der Verlauf von Zeit als ein lineares Fließen dargestellt, welches jedoch individuell unterschiedlich, zum Teil sehr langsam, zum Teil sehr schnell erlebt wird. Das Konzept des kontinuierlichen Fließen steht jedoch in direkter Relation zum Zeitmodell unserer gegenwärtigen Gesellschaft, welches durch die genormte Zeitmessung geprägt ist. Zeitempfinden wird durch aktive und passive Tätigkeiten, wie auch durch externe Einflüsse bedingt. Erst mit der Erfindung von Uhren, anfangs der Sonnenuhr und erst Jahrtausende später der mechanischen Uhren, wurde die Zergliederung von Zeit in definierte (künstliche) Zeiteinheiten überhaupt möglich. 
 
Mit der Etablierung der mechanischen Uhr wurde es möglich, sich von biologischen Rhythmen zu lösen. Wo einst ein Hahn krähte und somit über Jahrhunderte hinweg den Tag verkündete, erschallt nun das schrille Piepen eines Weckers. Der Lebensalltag des Menschen war ursprünglich stark an die Vorgänge der Natur gebunden und näher an der körpereigenen Chronobiologie. Der Einsatz von künstlichen Zeitgebern lässt diese Rhythmen jedoch aus­ei­n­an­der­drif­ten. Als stetiger Begleiter zeigt uns die Armbanduhr zuverlässig die richtige Uhrzeit an, im Einklang mit den hoch effizienten Maschinen und Fließbändern unserer Wirtschaft. Seit der Industrialisierung befindet sich unsere Technologie auf dem Weg der steten Innovation, schafft sich eigene Zeitrhythmen und ordnet die Menschen einem globalen Zeitsystem unter. Zusammengefasst kann man sagen, das wir der „Zeit“ eine Einteilung gegeben haben, die es uns ermöglicht, unseren Alltag zu strukturieren, während sie uns von unserem freien Zeitgebrauch und unseren natürlichen Rhythmen entfernt. Aber auch heute noch gibt es Lebensbereiche, in denen der Mensch ganz besonders auf die Gegebenheiten der Natur angewiesen ist. 
 
In der Regel folgt ein Organismus dem endogenen (griech.: im Inneren erzeugt) Rhythmus; er entspricht in etwa dem Tag-Nacht-Rhythmus von 24 Stunden und ist nicht von Einflüssen der Außenwelt abhängig. Daher der Ausdruck „der inneren Uhr“. Dies sieht man zum Beispiel bei Fischern und Seefahrern, die sich auch heute noch immer in einem wahren „Wettlauf gegen die Zeit“ befinden. Sie mussten über die Jahrhunderte hinweg ihre Tätigkeiten an die Konditionen der infradianen Rhythmik (mit über 24 Stunden hinausgehenden Phasen) der Gezeiten anpassen. Da hilft es ihnen auch nicht, dass sie unter Zuhilfenahme moderner Technik die exakte Gezeitenbewegung voraussagen können. 
 
Wie bereits dargestellt, fördert der Einsatz von Technologie eine Entfremdung von den naturgegebenen Rhythmen. Wikipedia definiert die Uhr sogar als „einen unverzichtbaren Begleiter… des Alltags“ - so wie sie es eben aus der Sicht unseres technisierten und durchorganisierten Lebensumfelds ist. Sich von ihr zu lösen hieße also auch, sich von diesem Lebensumfeld zu lösen. Aber könnte man Technologie nicht auch dazu nutzen, um unsere Beziehung zu den natürlichen Zeitrhythmen zu stärken bzw. sogar erst einen Zugang zu ihnen herzustellen? 
 
Exemplarisch nutze ich in diesem Zusammenhang den zyklischen Rhythmus der Gezeiten, deren Kräfte sich zwar überall auswirken, abseits der Küsten aber nicht wahrnehmbar sind. Das in sich geschlossene System der Tiden erlebt durch die Verschiebung des Raumverhältnisses in den urbanen Kontext nicht nur eine gesteigerte, bewusstere Wahrnehmung, sondern dekontextualisiert auch die ästhetische Wahrnehmung. Besonders charakteristisch wird in der Anwendung, die Vereinigung der liquiden Form von Wasser mit der unbefestigten Beschaffenheit von Sand und gibt so dem formlosen Konstrukt des linearen Zeitflusses eine analog wahrnehmbare Gestalt. Verwendet man diese Elemente nun innerhalb einer Installation, mit dem Zeitverlauf der Gezeiten (asynchron zu unserem Zeitbild), entsteht eine Symbiose aus Technik und Natur, bei der die Grenze zwischen Imitat und Wirklichkeit beinahe nahtlos wird. Es entsteht ein Erscheinungsbild einer realen Fiktion, dass durch den Akt der Spieglung eines natürlichen Phänomen, mit Zuhilfenahme von Technologie, den Wiederspruch der Entfremdung in sich auflöst. 
 
Demnach formt sich ein Ort, mit folgenden konträren Eigenschaften: 
 
tief - hoch
fallen - steigen
kreieren - bereinigen
sichtbar - unsichtbar
 
Diese Faktoren finden sich in einem mit Wasser gefüllten Becken, dessen Untergrund aus einem Sandbett besteht, wieder. Innerhalb des Beckens befinden sich an tiefster Stelle zwei parallel laufende Nockenwellen, die im Längsschnitt eine Sinuskurve bilden. Auf ihnen angebracht ist ein bewegliches Bodensystem, dass seine Höhe durch die Rotation der Welle ändert und den Sand aus dem Wasser heben kann. Die Rotation simuliert also den fortschreitenden Zyklus der Gezeiten, indem sie nach und nach den Boden aus dem Wasser hebt und wieder senkt. 
 

Mit Erhöhen des Grundes wird der Zustand der „Ebbe“ nachempfunden. Das abgeflossene Wasser hinterlässt Sandbilder, die der Besucher durch Betreten der Installation entdecken kann und wird erstrebenswerter Weise, durch aktives Gestalten, zeitweise Bestandteil dessen. Die drauf folgende „Flut“, ergo Höchstwasserstand bzw. dem abgesenkten Boden gleich, löst das zuvor entwickelte Bild der Oberfläche wieder auf, sodass von Außen betrachtet nur noch Schemen zu erkennen sind, bis hin zur endgültigen Einebnung. Sie hat die Funktion der Bereinigung, 1:1 wie in der Natur und generiert eine neue Fläche, die den temporären Prozess verdeutlicht. Im übertragenen Sinn wird somit dem Rezipient zeitweise die Möglichkeit der Betrachtung vorenthalten; etwas wird seinem Blick entzogen. 
 
Während seinem Aufenthalt, ist der Besucher dazu aufgerufen einen Moment lang zu verweilen, sich ein individuelles Wahrnehmungsbild zu generieren und erfährt eine Sensibilitätsveränderung dem ewigen Rhythmus gegenüber. Dieser, der Natur nachempfundene, periodische Verlauf gibt dem Ort einen kaum fassbaren und vergänglichen Charakter.