Unter den Linden

Unter den Linden
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Wirre Kabel, Drähte, Schläuche und Kunststoffbänder winden sich über den Köpfen der redseligen Menschengruppe, die sich teils auf den großzügigen Liegeflächen ausgebreitet hat. Soundcollagen und Lichter schaffen eine angenehme Atmosphäre. Dieser Ort ist ein gemeinschaftliches Erlebnis.  
 
Der Pavillon „Unter den Linden“ auf dem RAW-Gelände in Berlin Friedrichshain ist die moderne Interpretation eines Waldes. Allerdings ist der Begriff „Pavillon“ eher unpassend für diesen besonderen Ort. Denn es handelt sich nicht nur um eine Überdachung sondern um eine Pseudo-Natur mit gesellschaftsfördernden Funktionen mitten im öffentlichen Raum. Fast schon könnte man von einer waldähnlichen Parallelwelt sprechen, die durch starke ästhetische Akzente als wundersamer Kontrast zum umliegenden Stadtraum erscheint. 
 
Manch einer mag sich nun fragen, in welchem Zusammenhang Wald und Gesellschaft stehen. Es geht nicht darum, den Zeigefinger zu heben und eine Mahnung an all jene auszusprechen die nicht über die Umwelt nachdenken. Eher soll „Unter den Linden“ begreiflich machen, dass unsere Ressourcen nicht nur in der Natur sondern auch in dem Müll liegen, den wir produzieren. Grundsätzlich soll keine konkrete oder gar politische Botschaft vermittelt werden. Es geht hauptsächlich darum, die Wahrnehmung der Materie umzustellen und sie mit positiven Assoziationen aufzuladen. Dies ist mitunter durch die Ästhetik des Pavillons realisierbar. Wird das Recyclingmaterial nämlich in großer Menge verwendet, bekommt es eine neue Qualität und wird re-kontextualisiert. 
 
„Unter den Linden“ besteht zu 100% aus wiederverwertetem Material. Die Elemente des künstlichen Waldes stammen von unterschiedlichen Wertstoffhöfen, die normalerweise die Aufbereitung von Metallen und Kunststoffen vornehmen. Für „Unter den Linden“ pausieren die Stoffe für eine Weile als Pavillon und werden zu bestimmter Zeit wieder in den Recyclingkreislauf zurück geführt werden. Bewehrungsstahl in acht Meter Länge dient als Stamm des Baumes und stabile Grundkonstruktion, denn durch eine Verkantung von mindestens drei Stäben kann eine Stütze mit enormer Tragkraft geschaffen werden. Die leichteren und biegsamen Elemente, wie Kunststoffbänder und Drähte halten als Baumkronen her. 
 
Genau wie ein natürlicher Wald hat auch „Unter den Linden“ einige Funktionen. Es wird jedoch kein Lebensraum oder Sauerstoff offeriert, die Wurzeln der künstlichen Bäume sind vielmehr darauf  ausgelegt Elektrizität durch das Gebilde zu leiten. So können die Kabelnetze, die zwischen den Stützen gespannt sind zum einen als Liegefläche dienen, aber auch Energie und Klang erzeugen. Klettern Passanten auf die Netzstruktur, wird diese in Schwingung versetzt. Durch eine federnde Konstruktion wird nun die physische Bewegung verstärkt und Bewegungsenergie mit Hilfe eines Piezo-Generators in elektrische Energie umgewandelt. Das sogenannte Piezo-Prinzip beschreibt die Produktion eines elektrischen Potenzials durch Verschiebung vorhandener Ladungen. Nun kann ausreichend Strom, an der Installation angebrachte Spots, zum leuchten zu bringen. Setzt die Dämmerung ein, beginnt das Spektakel. Die Lichtquellen strahlen in die Baumkronen hinein und lassen ein angenehmes, indirektes Licht erstrahlen. Ein toller Effekt ist hierbei, dass durch die Reflexion auf den Metallen -besonders auf den Kupferdrähten- farbige Schimmer hervorgerufen werden. Das Innere des Waldes wird in eine behagliche Lichterwelt getaucht, die je nach Gebrauch der Liegeflächen stärker oder schwächer funkelt.  
 
Darüber hinaus haben die Kabelnetze eine andere ausgeklügelte Aufgabe. Durch physische Impulse und Vibrationen der Konstruktion, die ebenfalls durch Bewegung auf dem Netz zustande kommen, wird das akustische Spektrum der Waldszenerie hörbar gemacht. Dies geschieht durch einen Tonabnehmer, der mit den Kupferdrähten in den Kabeln verbunden ist. Da Tonhöhe und Lautstärke durch Schnelligkeit und Größe der Druckschwankung bestimmt werden, entstehen je nach Bewegung der Personen auf den Liegeflächen andere Töne. Der Benutzer trägt auf diese Weise zu seinem eigenen Vergnügen bei und kann seine Umgebung klangtechnisch verändern. Gleichzeitig tritt das Bauwerk selbst mit dem Rezipienten in Verbindung. Der Pavillon lädt ein, sich an ihm zu beteiligen, und wird durch diese Interaktion zu einer lebendigen Architektur. 
 
Erblühen soll die künstlich erschaffene Natur auf dem ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerk. Das 8.800 Quadratmeter große Gelände an der Revaler Straße ist heute ein Ort, an dem Nachtleben und Alternativkultur aufeinandertreffen. In diesem Jahr 2016 soll, mit Absprache der umliegenden Mieter und dem Bezirk, das Areal baulich ergänzt werden und unter anderem gesellschaftsfördernde Kulturprojekte zulassen. Im nördlichen Teil des Terrains würde eine Freifläche genügend Raum bieten, um den Pavillon in seiner angedachten Dimension zu verwirklichen.