Stadt unter

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Mit Hochwasser lebt die Menschheit schon sehr lange. Meist sind es Flüsse, die über die Ufer treten und ganze Landschaften überschwemmen. Besonders für Städte hat das leicht katastrophale Auswirkungen, aber da es immer wieder vorkommt, haben sich ihre Einwohner auf diese oder jene Weise auch darauf eingerichtet.
 
Ein Beispiel dafür ist Bangkok. 1,5 m über dem Meeresspiegel und an der Mündung des Chao Phraya gelegen, war die Stadt früher von einer Unzahl von Kanälen durchzogen, die auch die Haupttransportwege der Stadt bildeten. Die Kanäle bildeten gleichzeitig ein Ausgleichsystem, das bei den in der Monsunzeit regelmäßig hohen Wasserständen des Flusses eine Verteilung und ein leichteres Abließen der Wassermassen ermöglichte. Im Zuge des Wachstums und der Modernisierung wurden seit Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch viele von ihnen zugeschüttet und durch Straßen ersetzt, was zwar die Effizienz des städtischen Verkehrs erhöhte, die Stadt aber auch anfälliger machte für Überflutungen. Besonders sichtbar wurde das bei der Flut von 2011, die praktisch das ganze Stadtgebiet für fast einen Monat bis zu einem Meter unter Wasser gesetzt hat. Mit dem alten Kanalsystem wäre es zwar auch zu einer Überschwemmung gekommen, aber sie wäre geringer ausgefallen und hätte nicht so lange angehalten.
 
Es gibt zwei Entwicklungen, die zu einer weltweiten Verschärfung der Überflutungsproblematik führen: Durch den Klimawandel kommt es nicht nur zu extremeren Wetterlagen mit häufigeren starken Regenfällen, sondern auch absehbar zu einem erheblichen Anstieg des Meeresspiegels. Gleichzeitig wachsen die Städte weltweit explosionsartig, und viele von ihnen befinden sich an großen Flüssen oder direkt am Meer. Was diese Entwicklung für die Zukunft bedeuten kann, ist in der Vorstellung der meisten Menschen noch lange nicht angekommen.
 
Das Ziel von “Stadt unter” ist es, für seine Besucher zukünftige Hochwassersituationen  nachvollziehbar zu machen und sie zu einer bewussten und aktiven Haltung zu bringen. Das Phänomen des Hochwassers und der Überflutung soll auf einer physischen Ebene erlebbar werden, gleichzeitig werden die größeren Zusammenhänge in einer Mischung von Information und Inszenierung sichtbar gemacht.
 
 
 
 
Ausstellungsbeschreibung:
 
Der G-Cans-Wasserspeicher in Tokyo besteht aus einem gigantischen unterirdischen Raum, verbunden mit einem System von riesigen Tunneln, an deren Verbindungsstellen sich zusätzliche Kavernen befinden. Er erscheint wie ein künstliches unterirdisches Flussbett unter der Stadt, und dient einzig und allein dem Zweck, die Wassermassen von starken Regenfällen zu absorbieren und so die Stadt vor Überschwemmungen zu schützen.
 
Für die Ausstellung wurde exemplarisch die Stadt Bangkok gewählt, deren Geschichte und Alltag stark vom Hochwasser geprägt ist, wobei Flüsse und Kanäle eine große Rolle spielen. Die Ausstellung ist räumlich und thematisch in drei Teile gegliedert, die für Geschichte, Gegenwart und Zukunft stehen.
 
Im ersten Raum, einer der Röhren des System (Durchmesser 10,6 m) wird die Geschichte der Stadt Bangkok in Bezug zum dort regelmäßig wiederkehrenden Hochwasser behandelt. Auf den Wänden der Röhre befinden sich Markierungen, die verschiedene Hochwasserstände chronologisch dokumentieren. Gleichzeitig werden dokumentarische Bilder auf die Wände projiziert, in Form einer Helix, die die ständige Wiederkehr der Ereignisse bildlich vermittelt. Die Helix funktioniert wie ein Zeittunnel, in dem man die allmähliche Veränderung der Stadt miterlebt.
 
Im zweiten Raum, ebenfalls in der Röhre installiert, wird das Ereignis der Überschwemmung für den Besucher zu einem direkten Erlebnis. Es geht nicht um Information, sondern darum, selbst in die Situation eines Hochwassers versetzt zu sein. Der Gang durch die Ausstellung führt durch ein großes, mit Plastikkugeln gefülltes Becken, in das der Besucher eintaucht, ohne genau zu wissen, wie tief es ist oder was sich auf seinem Grund befindet. So entsteht eine Ungewissheit über die Situation und die Gefahren, in denen man sich befindet, noch verstärkt durch unsichtbare “Vorgänge” in der “Tiefe”, z.B. erzeugt durch punktuelle Luftstöße, die die Begegnung mit einem möglicherweise gefährlichen Lebewesen suggerieren (in Bangkok schwimmen bei Hochwasser tatsächlich Krokodile in der Stadt herum). Weitere Objekte, die mit Hochwasser in Verbindung stehen, wie Sandsäcke oder Schlauchboote, sind ebenfalls Teil der Inszenierung.
 
Schließlich gelangt der Besucher in den dritten Raum, eine runde Kaverne, von der aus eine Röhre in die Höhe führt. Vor ihm liegt eine Art Endzeitvision, ein Becken, in dem ein Modell des zukünftigen Bangkok im Wasser steht. Immer wieder läuft das Wasser langsam ab, um durch einen künstlichen Regen wieder anzusteigen. Der Besucher bekommt Gummistiefel, mit denen er über Stufen, die in das Becken führen, ganz nah an das Geschehen herantreten kann, während er selbst im Wasser steht.
 
Über dem Becken, in der nach oben führenden Röhre, hängt eine riesige, unheimliche Kugel, auf der im schnellen Wechsel Filme, Bilder, Grafiken und Texte erscheinen, die z.B. mit wissenschaftlichen Informationen, dokumentarischen Berichten oder sich überschlagenden Kommentaren aus den sozialen Medien die Dynamik, mit der sich die Erde verändert, widerspiegeln. Wir erleben den Wandel von einer einst schönen, im Gleichgewicht befindlichen Welt zu einem zunehmend von Katastrophen geprägten, immer komplexer, verwirrender und  unkontrollierbarer werdenden Planeten.
 
Die Ausstellung soll ein Gefühl für die Verantwortung wecken, die wir haben, wenn wir die drohende Klimakatastrophe abwenden und die Welt so erhalten wollen, wie wir sie lieben. Sie vermittelt Inhalte und Erkenntnisse über Hintergründe und Handlungsmöglichkeiten, ohne die bedrohlichen Entwicklungen zu ignorieren. Die drohende Lage wird dabei nicht nur durch sachliche Informationen vermittelt, sondern auch konkret greifbar gemacht. Dadurch lässt sich ein anderes Verhältnis zur Zukunft gewinnen. Der Betrachter soll nicht in Angst und Schrecken versetzt, sondern eher aktiviert werden, sich mit einer nahen Zukunft auseinanderzusetzen und selbst aktiv zu werden.