KalendariumÜber Maulwurfshaut, Breisgauer Bärlauchpesto und ein hängendes Pony unter der Decke

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2014 ist nicht nur ein Holz-Pferd-Jahr, (31. Jahr im chinesischen Kalender, tritt alle 60 Jahre ein)

sondert fällt auch zusammen mit dem Pirelli-Kalender-Jubiläum -50 Jahre "The Cal“TM- dem berühmt-berüchtigten Nacktkalender eines italienischen Reifenherstellers. Neben diesen zwölf Kalenderblätter exklusiv produziert und nur an einen auserwählten Zirkel verschenkt, weniger funktional als ästhetisch genutzt, existiert gleichzeitig eine riesige, weltweite Industrie von jahresstrukturierenden Formatvorlagen.
 

Kalender gibt es in allen Formaten, für vermutlich beinah jede Zielgruppe, die sich ein Marketingdirektor ersinnen kann, für jedes ureigene Interesse, für wechselnde Zeitgeisterscheinungen, immerwährend und Do-it-yourself. Verschenkt von Firma zu Firma als beliebtes alljährliches Werbemittel und auch als privates Weihnachtsgeschenk immer die rettende Idee.

 

Und doch: Kalender sind eigen. Privat. Vielleicht unersetzlich. Ausdruck der eigenen Prioritäten: ledergebundener Filofax oder der Goldene aus der Brigitte. Denn jeder hat seine Form der Zeit. Einteilen, verwalten, überblicken, bloß nicht vergessen oder auch das ganze Jahr drauf freuen. Vielleicht sogar jedes Jahr wieder. Sich erinnern. Jemand wurde geboren, jemand ist gestorben. Dazwischen Zahnreinigung und Friseurtermin. Abgabetermine. Eröffnungen. Konzertbesuche. Urlaubsplanung. „Die Feiertage fallen dieses Jahr arbeitnehmerfreundlich.“ Morde werden aufgeklärt, Affären wegen des wiederholenden Eintrags „Treffen mit L“ enttarnt.

 

Ein Kalender stellt ein Leben aus; macht eine Zeit zugänglich. Er ist eine Entscheidung: wie banne ich 365 Tage manuell auf ein paar Seiten, digital in eine oder mehrere Apps, benutze ich den iCal oder setze ich ein Statement und benutze, brauche gar keinen Kalender?

 

Um das oder den MOLESKINE spannt sich nicht nur das charakteristische Gummiband son- dern ranken sich auch Mythen, geschickt eingefädelt als markenbildendes Mittel. Hemingway und Van Gogh sollen ihn benutzt haben, früher angeblich mit Maulwurfshaut bezogen sowie handgefertigt, heute hergestellt in China für einen Markt in 53 Ländern, Jahresumsatz 29 Millionen , Tendenz steigend.

 

Blogger schreiben, auf regelrechten Fanseiten über die „Kladde für Kreative“, das Berliner Museum der Dinge widmete den Notizbüchern und Kalendern von Künstlern und Filme machern 2010 eine ganze Ausstellung. „Die Konterrevolution in der Welt des Smart-Phones. Man trägt wieder Papier“, schreibt Hilmar Poganatz in der Süddeutschen Zeitung.

 

Auch ich bin abhängig. Kompromisslos. Kalenderneurose. Zeitlos und aufgeschmissen, wenn ich ohne aus dem Haus gehe. Das Format ist gefüllt mit allem vermeintlich Unvermeidbarem und hinten, in der typischen MOLESKINE-Falttasche, alle wirklich wichtigen Visitenkarten. Zwischen den Seiten und zwischen die Zeilen drängen sich Terminzettel, Abholbons vom Schuster, Post-its, Bonuskarten.Währenddessen nutzen die Seiten ab, der Kalender wird pral- ler, die Zeit scheint sich auszudehnen und wird doch vom schwarzen Gummiband zusammengehalten.

 

Genau betrachtet, werden die Einträge hier eigentlich zu materiellen Objekten. Sie stehen nicht nur für bestimmte zeitliche Ereignisse, sondern sind selbst ein Teil von ihnen. Aus einem Weiterdenken dieses Zusammenhangs resultiert das Konzept meines Kalendariums. Die übliche zweidimensionale, schriftliche Form von Kalendereinträgen wird auf die dreidimensionale, gegenständliche Ebene erweitert, auf der die zeitlichen Ereignisse nun durch Objekte vergegenwärtigt bzw. repräsentiert werden.

 

12. April: Treffen mit L

Wer ist diese/r L? Ist die Zeit mit ihr/ihm untrennbar verbunden mit einem Parfüm? Einer Rechnung aus einer Hotelbar? L nähme Gestalt an.
 

28. März: Jenny Umzug

Der Mammutumzug einer Freundin von Hamburg nach Freiburg, beinah über Nacht, lässt uns, übermüdet zu „Tankstellenräuberinnen“ werden, aber auch tagsdrauf durchs Breisgau wandern und anschließend -frisch gepflücktes- Bärlauchpesto machen.

 

Ein unscheinbarer Eintrag hat eine persönlichen Geschichte, die untrennbar mit dem Objekt verbunden wird. In einer Ausstellung dieser Objekte ändert sich gleichzeitig auch die Art der Betrachtung und die Funktion des Kalenders vom Privaten zum Öffentlichen. Konkret könnten das in diesem Fall beispielsweise ein Parfumflakon oder das Bärlauchpesto- glas sein.Die Objekte haben eine verweisende Funktion und werden zum (sprachlichen) Zeichen. Sie übersetzen die persönliche Geschichte in einen konkreten Gegenstand.

 

Ein Kalender wird als Medium sehr unterschiedlich genutzt und gefüllt. In der Weiterentwicklung des Konzepts habe ich es als spannend empfunden, auch einen Einblick, einen Zugang in die Kalender anderer Menschen zu bekommen. Damit wird eine subjektive Ansammlung von zeitlichen Objekten kollektiv genutzt und zur Schau gestellt.

 

Aus dem Kalender wird das Kalendarium.
 

Das Kalendarium funktioniert ähnlich einem Archivsystem, das öffentlich zugänglich ist. Es verknüpft artfremde Ordnungen (zeitliche Ordnung und Ordnung der subjektiven Objekte/ Inhalte) miteinander. Die Verbindung des Besuchers/Teilnehmers zu den Informationen wird über die Materialität der Objekte geschaffen oder intensiviert. Die Ausstellung bildet den Zeitraum eines Jahres ab und hat daher eine Laufzeit von 365 Tagen. Es bietet dem Besucher und Teilnehmer einen Zugang zu allen drei Zeitebenen. Rückblick. Gegenwärtige Betrachtung. Vorausschau.

 

Charakteristische Elemente (Lederfaserstoff LeFa, Gummiband u.a.) des MOLESKINE werden in die Gestaltung des Ausstellungssystems übersetzt. Das Kalendarium ist, in Anlehnung an den MOLESKINE, in die 52 Kalenderwochen

eingeteilt. Diese Einteilung ist auf der Ausstellungsfläche mit Zahlen aufgebracht.
 

Dem Ausstellungsbesucher stehen sechs verschieden große, transparente Kunststoffboxen zur Verfügung, in denen er seine Objekte hinterlassen kann. Er hat außerdem die Möglichkeit, durch das Auslegen von einer oder zwei Flächen mit LeFa sein Objekt hervorzuheben bzw. von den anderen Boxen abzugrenzen.

 

Zur Kennzeichnung des Tages kann er selbstklebende Zahlen verwenden. Mittels schwarzer Gummibänder werden die Kunststoffboxen vom Ausstellungsbesucher von der Decke des Ausstellungsraums abgehängt. Durch verschiedene Längen der Gummibänder und dasu nterschiedliche Gewicht der gefüllten Boxen bzw. des wählbaren Gegengewichts ergeben sich unterschiedliche Höhen in der Hängung. Aufgrund der Addition/Subtraktion der Boxen entstehen frei hängende traubenartige Bündel innerhalb der jeweiligen Kalenderwoche.

 

Um die persönliche Geschichte („Personal Plot“) des Objekts zu dokumentieren und auch für andere lesbar zu machen, kann der Ausstellungsbesucher eine vorbereitete Seite ausfüllen. Diese „Personal Plots“ werden an einer Stelle des Ausstellungsraums gebündelt und können von den Ausstellungsbesuchern eingesehen werden.

 

Das Kalendarium ist nicht ortsgebunden und kann durch das modulare Prinzip der Boxen und der zugehörigen Installationsteile auch als Wanderausstellung funktionieren. Es ist somit möglich das Kalendarium sowohl im Außenraum als auch im White Cube zu verorten. Denkbar ist auch, dass bei der Installation sog. „Zeitarbeiter“ helfen können.

 

Das Kalendarium eröffnet sowohl einen zeitlichen als auch einen inhaltlichen Spielraum, der durch das Ausstellungssystem formal begrenzt bzw. strukturiert wird.

 

Die Entwicklung des Kalendarium ist spannend und gleichzeitig risikobehaftet, da man zunächst nicht wüsste welcher Art die Zeitobjekte sein werden. Zum jetzigen Zeitpunkt gehe ich aber nicht davon aus, dass jemand sein Pony unter die Decke hängen will.

 

Der Kalender gewinnt durch die Ausstellung Kalendarium eine räumliche Dimension. Ausstellungsziel: alle Zeitebenen sind durch Erinnerungsstücke aus der Vergangenheit, gegenwärtige Objekte und Dinge aus der Zukunft nebeneinander zu betrachten. Die Ausstellung entwickelt sich mit der Zeit weiter und durchläuft verschiedene Erscheinungsformen der Zeitereignisse.

 

Zeit ist vielleicht als wertvollstes Gut der Menschen zu betrachten und dabei unsichtbar, nicht zu fassen. Im Kalendarium wird Zeit zur ikonischen Darstellung oder um es mit den Worten eines berühmten Marketingdirektors eines Reifenherstellers auszudrücken: „It is the value of an art which tells history beyond time.“