Falsche Zärtlichkeit

Falsche Zärtlichkeit
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Falsche Zärtlichkeit
Falsche Zärtlichkeit
Ein Tabuthema, verschwiegen und doch allgegenwärtig. Missbrauch von Kindern findet meist in der Familie statt, einer Umgebung, die der öffentlichen Kontrolle weitgehend entzogen ist und als Synonym für Privatheit und Geborgenheit gesehen wird. Die eigenen vier Wände sind heilig, was hier vorgeht, hat niemanden zu interessieren. Doch genau das ist das Problem, denn die ohnehin schon hohe Zahl an entdeckten Missbrauchsfällen ist nur die Spitze des Eisbergs.
 
Innerhalb der Familien werden die Vorgänge, wenn sie nicht sogar ganz unbemerkt bleiben, totgeschwiegen. Die Position des Machtausübenden bleibt unangetastet. Für die betroffenen Kinder bedeutet das oft ein jahrelanges Martyrium, die tiefgreifende Erfahrung totaler Ohnmacht, nicht zu reparierende Beschädigungen ihrer Psyche. Sie haben niemanden, an den sie sich wenden können, ihre ausweglose Situation ist von Sprachlosigkeit umhüllt. Deshalb ist es wichtig, die Tabugrenze zu überschreiten und das Problem des Missbrauchs von Kindern zur Sprache zu bringen und für die Öffentlichkeit greifbar zu machen.
 
Der Schritt, der mit diesem Konzept vorgeschlagen wird, besteht darin, eine solche „normale“ Familienwelt öffentlich, den „Tatort“ für das Publikum begehbar zu machen. Eine nachgebaute Privatwohnung – als Störfaktor, mitten im Zentrum der Stadt. Das Geschehen wird nicht in eine kleine Zeitungsnotiz verpackt, sondern beherrscht hier den ganzen Raum. In ihm überschneiden sich die ganzen Stränge des persönlichen und gesellschaftlichen Dunkelbereichs Kindesmissbrauch.
 
Der Besucher beschreitet einen vorgegebenen Weg, der ihn durch fünf verschiedene Räume und Themenbereiche führt, denen jeweils ein gleichartiger Flur vorgelagert ist. Schon die anonyme Gleichförmigkeit der Flure erzeugt ein Gefühl der Trost- und Ausweglosigkeit. In den einzelnen Räumen werden dann die verschiedenen Aspekte des Themas in einer semi-dokumentarischen Weise beleuchtet: die Berichterstattung der Medien; die sozialen und psychologischen Ursachen; die Folgeprobleme für die Opfer; das Dilemma von Prävention und juristischer Aufarbeitung. In der Mitte befindet sich der Tatort selbst, in dem der Besucher die Perspektive eines Zeugen einnimmt: ein realistisches Kinderzimmer, das auf den ersten Blick wie eine unschuldige Idylle wirkt, aber gerade deshalb so viel Raum für die Deutung der Spuren. Genau durch diese Unentscheidbarkeit und Unsichtbarkeit wird die Brisanz des Themas deutlich. Ergänzend zur Inszenierung der Räume wird im Flur die reale Geschichte des Falles Madlen erzählt. Diese Ebene dient als Brücke zwischen dem fiktiven, neu generierten und dem realen, schon existierenden Material.
 
Ziel der Ausstellung ist es, dem Besucher eine Möglichkeit zu bieten, selbst einen Bezugspunkt zum Thema zu finden. Die Räume sollen nicht schockieren, aber berühren. Indem das Innerste der Betroffenen fühlbar gemacht wird, soll der Besucher die Entstehung von Fällen dieser Art besser einzuschätzen lernen. Missbrauch an Kindern ist zwar unfassbar aber nicht unvermeidbar.