anna otto tot

Das Auftreten von Sprache im öffentlichen Raum ist meist eine sehr eindimensionale Angelegenheit. Logos und Schilder präsentieren ihre signalhaften Botschaften ohne dabei in einer Beziehung zueinander oder zum Raum zu stehen. Dabei greifen sie auf einen sehr reduzierten Sprachgebrauch zurück. Können die Worte von zwei Seiten gesehen werden, bilden sie von der Rückseite betrachtet nur eine unlesbare Folge spiegelverkehrter Buchstaben. Sprache und Raum stehen in keinem bewusst gestalteten Verhältnis.
Mein Projekt ANNA | OTTO | TOT befasst sich hingegen genau mit diesem Verhältnis und schafft eine unmittelbare Verknüpfung von Raum- und Textebene. ANNA ist dabei auch eine Referenz an Kurt Schwitters, der mit seinen dadaistischen Lautgedichten und dem fragmentierten Merzbau traditionell geschlossene Raum- und Sprachgefüge aufbrach. Analog zu seinen Sprachspielen und seinen chaotisch anmutenden Überlagerungen im Merzbau wollte ich eine Bildwelt schaffen, die diese Aspekte wiedergibt, sie aber eher auf eine minimalistische Ebene verschiebt.
Die Idee: halbtransparentes Material in einem linearen System anordnen.
Als Grundform habe ich deshalb das Labyrinth gewählt. Trotz seines geradlinigen Charakters schafft es durch ständige Richtungswechsel eine schwer zu überblickende Raumsituation. Kombiniert mit einem farblich changierenden und spiegelndem Material wie radiantem Glas wird die eigentlich klare Struktur zu einem schwer erfassbaren Gangsystem. Als zusätzliches Element wird das Material durch die Bodenkante beleuchtet und erzeugt so ein Scheinen aus dem Inneren heraus.
Inhaltlich habe ich mich mit Palindromen beschäftigt – Satz- und Wortspiele die sowohl von vorne, als auch von hinten zu lesen sind. Aus diesen habe ich eine Schriftwelt kreiert. Eingraviert in die Wände laufen Wörter und Sätze um Ecken und Wände und können auf Grund des halbtransparenten Materials von beiden Seiten erfasst werden. Dabei stehen sie prägnant und frei im Farbraum. Die Ausrichtung der Buchstaben variiert zwischen Leserichtung und Spiegelschrift und unterstützt so die Lesbarkeit aus allen Laufrichtungen. Je nach Länge und Inhalt des Wortspiels springen Größe und Linienführung der einzelnen Typen zusätzlich.
Durch das aktive Durchlaufen des Labyrinths und die Entscheidung des Besuchers einem spezifischen Wortstrang zu folgen werden Dualismen wie Anfang und Ende, Verständlichkeit und Unverständlichkeit sowie Zufälligkeit und Oberflächlichkeit aufgegriffen.
Als begehbare Rauminstallation spielt ANNA | OTTO | TOT mit dem wechselnden Standpunkt des Betrachters und setzt den Fokus auf die Essenz der einzelnen Palindrome. Die Konzentration aufs Wort wird unterstützt durch die Verschmelzung von Material und Text zu einer untrennbaren Einheit im Labyrinth. Erst durch das Leuchten des Materials entfaltet sich die vollständige Wirkung ANNA | OTTO | TOTs und schafft so auch außerhalb des Labyrinths eine markante Präsenz im Ausstellungsraum.
Begeht man die Installation ANNA | OTTO | 
TOT wird man das Gefühl nicht mehr los im Netz der Spektralfarben gefangen zu sein. Erst mit der Zeit lernt der Betrachter sowohl die variierenden Palindrome, als auch die Struktur des Labyrinths zu lesen. Das leicht spiegelnde Material unterstützt hierbei die Reflexion über Sprache. Mit seinem Besuch muss sich der Betrachter nicht nur mit seinem eigenen Sprachgefühl und -gebrauch auseinandersetzen, sondern auch mit den Prinzipien von Ordnung, Unordnung und Überlagerung.