360 Der Himmel

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360 Der Himmel
Die Umgebung der Marzahner Promenade ist geprägt von einer rationalen und monotonen Architektur, die den Bewegungen und Wahrnehmungen ihrer Bewohner wenig individuellen Freiraum lässt. Mein Projekt will zu dieser kein Gegengewicht schaffen, sondern einen Weg eröffnen, um aus dem gegebenen urbanen Raum zu verschwinden bzw. in einen gänzlich anderen Raum abzutauchen. Ausgangspunkt des Konzepts war dabei die Beschäftigung mit Strukturfassaden, die in allgemeinere Überlegungen zu Dreidimensionalität und räumlicher Tiefe mündete. Welche Möglichkeiten liegen darin, durch Perspektivwechsel die Erfahrung des Raums und der eigenen Position grundlegend zu beeinflussen und zu verändern?
 
In der DDR waren relief- oder gitterartigen Fassadenstrukturen an öffentlichen Gebäuden sehr beliebt (während sie in den typischen Plattenbausiedlungen jedoch kaum eine Rolle spielten) und signalisierten das technische Fortschrittsdenken einer auf das Kollektiv ausgerichteten Gesellschaftsordnung. Einer der in diesem Zusammenhang wichtigen und auch im Westen tätigen Protagonisten war der Ost-Berliner Bildhauer Fritz Kühn. Seine Wandreliefs und dreidimensionalen Gittermodule bewegen sich zwischen architektonischem Gestaltungselement und Skulptur. Mich interessierte jedoch die weitergehende Perspektivverschiebung, die sich ergibt, wenn Fassadenteile in einen größeren Maßstab übertragen werden und als Raumobjekte mit der Architektur in Konkurrenz treten.
 
So entstanden verschiedene Entwürfe, die das Ziel hatten, eine alternative Wahrnehmung der vorhandenen Architektur und Umgebung zu erzeugen, wobei durch 3-D-Simulationen die räumliche Wirkung der jeweiligen Konstruktionen genau überprüft werden konnte. Ins Auge gefasst waren dabei einerseits, offene, aber optisch abgetrennte Räume, in denen temporär eine neuartige Erfahrung des städtischen Außenraums stattfinden kann, andererseits Elemente (Berg, Hügel), die durch ihre Höhe eine zuvor nicht vorhandene und ungewöhnliche Aussichtsposition und Perspektive auf die gewohnte Umgebung schaffen. 
 
Der endgültige Entwurf stellt eine unerwartete Verbindung dieser beiden Ansätze her, allerdings nicht durch etwas in die Höhe Gebautes, sondern durch dessen Gegenteil: einen umgekehrten Hügel oder, genauer, eine kegelstumpfförmige Vertiefung im Raum. Sie besitzt einen Außendurchmesser von 30 Metern, und man steigt über eine Treppe bis zu einer Tiefe von 7 Metern hinab. Rundum befinden sich 25 konzentrisch angeordnete Stufen, die wie eine runde Tribüne wirken. Im Zentrum dieses Raums verschwindet die urbane Umgebung vollständig aus dem Blickfeld, von der Außenwelt ist nur noch der Himmel zu sehen.
 
Als Standort für den umgekehrten Kegelstumpf ist eine Fläche vorgesehen, die annähernd in der geometrischen Mitte der Siedlung liegt, aber gleichzeitig ein ungenutztes, übersehenes Stück Brachland bildet. Man muss erst dieses wildwüchsige, von der Stadtplanung verschonte und im Siedlungskontext wie ein merkwürdiger Nicht-Ort wirkende Terrain betreten, um in den tiefergelegten Raum mit seiner eigenen Wirklichkeit hinabsteigen zu können.
 
Als Standort für den umgekehrten Kegelstumpf ist eine Fläche vorgesehen, die annähernd in der geometrischen Mitte der Siedlung liegt, aber gleichzeitig ein ungenutztes, übersehenes Stück Brachland bildet. Man muss erst dieses wildwüchsige, von der Stadtplanung verschonte und im Siedlungskontext wie ein merkwürdiger Nicht-Ort wirkende Terrain betreten, um in den tiefergelegten Raum mit seiner eigenen Wirklichkeit hinabsteigen zu können.
 
Der Kegel wirkt von innen wie ein Amphitheater, allerdings ohne die Trennung von Bühne und Zuschauerraum. Akteur ist hier das Publikum selbst. Am tiefsten, mit grünem Rasen bedeckten Punkt befindet sich zudem eine runde hölzerne Bank, wie ein ausgeschnittenes Segment aus woanders gelegenen Naturidylle. Der Betrachter ist hier unvermittelt von dem ihn umgebenden Kontext abgeschnitten, allein die akustische Ebene bleibt erhalten. Die Raumerfahrung ist jedoch eine gänzlich andere, die neue Assoziationen und Reflexionen stimuliert. 
 
Durch den Bühnencharakter des Kegels wird der Blick auf diejenigen gerichtet, sie sich in ihm aufhalten, den jeweiligen Besucher selbst, oder andere, die ihn „bespielen“. Die abstrakte Raumsituation nimmt dem Betrachter die Möglichkeit, sich selbstverständlich und sicher in einem gewohnten Umfeld zu positionieren. Indem sein physisches und soziales Dasein aus dem Gefüge des Alltags herausgelöst wird, entsteht eine bewusstere Selbstwahrnehmung, in der sich letztlich auch ein neuer Blick auf die temporär ausgeblendete Außenwelt bildet. Ebenso kann dieser Raum aber auch zu einem Ort für neue soziale Erfahrungen und Interaktionen werden.