Zeitkapseln

Zeitkapseln
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Dort wo Menschen leben, wird Erinnerung erzeugt. Berlin ist eine Hauptstadt, die viele prägende Ereignisse Deutschlands miterlebt hat. Die Bewohner dieser Stadt haben wertvolle Erfahrungen und Erlebnisse, die man als Teil des Gedächtnisses der deutschen Nation weitergeben könnte. 
 
Doch wie kann für Menschen unserer jetzigen Generation die Geschichte erfahrbar gemacht werden? 
 
In meiner Arbeit „Zeitkapsel“ sollen Räume in der Öffentlichkeit erschaffen werden, die Geschichte, Gedächtnis und Gefühle vereinen. In diesen Kapseln sind Ereignisse ‘gespeichert’ und werden durch körperliche Erfahrung wieder ‘geweckt’. Am ursprünglichen Ort des Ereignisses sollen die Besucher durch die Zeitkapsel aus dem Moment herausgerissen werden. Auf eine abstrakte gestaltete, aber unmittelbar wirkende Art und Wiese sollen die Betrachter mit der Geschichte konfrontiert werden. An vielen Orte Berlins sind Einrichtungen für die einzelnen Teilgebiete der Geschichte erbaut worden. Museen sind Sammelorte solcher Erlebnis- und Erfahrungsbelege. Traditionellerweise werden die Ge-schichte auf der textlichen Ebene erzählt, Originalobjekte gezeigt und weitere Medien als Unterstützung verwendet. 
Eine weitere Erzählmöglichkeit ist es, am ursprünglichen Ort des Geschehens ein körperliches Erlebnis zu ermöglichen, um sich den Ereignissen der damaligen Zeit anzunähern. Denkmäler und Gedenkstätten sind solche Erinnerungs- orten, an denen die Betrachter eine geschichtliche Ebene des Ortes erfahren. Unzählige Denkmäler Berlins sind erinnerungswürdigen Personen oder Ereignissen gewidmet. So werden sie errichtet, um Opfern politischer Verbrechen zu gedenken oder mahnend vor einer Wiederholung solcher zu warnen. 
Nichts desto trotz existieren in der Hauptstadt Orte, an denen sich ereignet hat, was längst vergessen wurde. Andere Menschen sind sich der Geschichte zwar bewusst, haben aber keinen Bezug zum Ort herstellen können, weil es keine deutlichen Anzeichen der Ereignisse mehr hergibt. Oft haben nur noch sehr wenige Menschen Erinnerungen an diese Orte, weil sie Erlebnisse persönlich miterlebt haben und sie so tiefer in ihrem Gedächtnis verwurzelt sind. 
 
Die Bezeichnung der ‘Zeitkapsel’ verbreitete sich in den 1930er Jahren, doch seine Existenz kann man bis zum Anfangs des  20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Eine Zeitkapsel ist ein Behälter zur Aufbewahrung von Dingen, die besonders wichtig, symbolisch von besonderer Bedeutung oder einfache nur Altasgegenstände einer bestimmten Zeit waren. Erst nach Ablauf eines bestimmten Zeitintervalls sollen die zeittypischen Dinge an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Obwohl die Bezeichnung Kapsel es nahelegt, muss dieser Behälter nicht unbedingt auch eine entsprechend charakterisierte Form haben, sondern kann andere, beliebige Figuren einnehmen wie z. B. eine Box oder eine Pyramide.
 
Angeknüpft an den Titel “Zeitkapsel” wird in mein weiteres Konzept der Kapsel als Grundform verwendet. Eine Kapsel ist, allgemein gefasst, ein runder Behälter. Sie ist, wie schon erwähnt, ein Aufbewahrungsobjekt für zeittypischen Elemente, die erst nach einer gewissen Zeit geöffnet werden sollen. Dieses Konzept wird übernommen und weiter ausgebaut. An den Ereignisorten sollen so nicht nur themenbezogenen auf der visuelle Ebenen Erfahrungen ermöglicht werden , sondern auch auf der akustischen und olfaktorischen Erfahrungsebene ein Erlebnis stattfinden, um dem Betrachter ein umfassenderes Bild der Geschehnisse der Vergangenheit zu präsentieren und eine körperliche Annäherung durch die persönliche Präsenz und die Erfahrung in der Kapsel anstoßen.
 
Um das Erlebnis im Inneren der Kapsel besonders zu emotionalisieren, werden Erfahrungsberichte von Zeitzeugen eingebunden. Erfahrungsberichte von Personen, die das Ereignis persönlich miterlebt haben, sind besonders gefühlserregend. In der Zeitkapsel werden solche über Kopfhörer für den Besucher zu hören sein. Kurze Zitate oder Einleitungstexte führen dem Betrachter dabei ins Geschehen ein. Das Sound-Piktogramm symbolisiert, dass hier was zu hören ist.
 
Um noch weitere Sinne anzusprechen und so das Erlebnis zu intensivieren, werden auch Geruchssinne angesprochen. Mit Gerüchen und Düften können Ereignisse repräsentiert werden. Dazu werden Geruchskapseln an Laternen, Masken oder Wänden befestigt. Befüllt mit Duftstoffen, die nach dem Aufklappen verströmen und vom Besucher wahrgenommen werden. Besonders mit Brandgeruch assoziiert man Gefahr und Zerstörung und schafft so einen Bezug zu dem geschichtlichen Ereignis der Bücherverbrennung. Durch die Einbindung des Geruchs wird der Besucher auf einer weiteren Ebene mit Geschichte konfrontiert. Die Innenseite des Deckels bietet eine kurze Beschriftung zum Thema. Das Rauch-Piktogramm symbolisiert, dass hier etwas zuriechen ist.
 
Im Vergleich zu einer mittelgroßen oder kleinen Kapsel erregt die überdimensionale Kapsel eine massive Wirkung auf die Betrachter. Um bequem in das Innere schauen zu können, wird die Kapsel in einem bestimmten Winkel schräg im Boden befestigt. Eine solch große Kapsel erlaubt nicht nur hereinzuschauen, sondern ermöglicht es gar, den Innenraum zu betreten. Hingegen kann bei der mittelgroßen Variante der Betrachter seinen Kopf ins ‘Schaufenster’ stecken kann, um sie zu nutzen. 
In dieser Variante ist es ihm nicht möglich, die Kapsel zu betreten. Er steht somit in der Gegenwart und blickt in die Vergangenheit. Es ergibt sich kein ‘Eintauchen’ in die zurückliegenden Ereignisse - vielmehr zeigt sich die Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit in der Position des Betrachters selbst: Er ist stärker mit der Spannung von Gegenwart und Vergangenheit konfrontiert, da er selbst in zwei Bereiche aufgeteilt ist. Die kleine Variante der Kapsel ist in den Boden eingelassen. Ein Bereich um Sie herum ist eingezäunt und hebt die Kapsel hervor. Der Betrachter schaut durch eine Linse und sieht sonst unerkennbare Details in vergrößerter und verzierter Form: Spuren der Vergangenheit, Spuren des Widerstandes, des Kampfes oder der Zerstörung. Mit der Vergrößerung und Verzierung assoziiert man die Gefühlserregung des Selbsterlebens.  
 
Visuell, akustisch und olfaktorisch. Fast alle Ereignisse lassen sich auf diesen drei Erfahrungsebenen erleben. Auf der visuellen Ebene wirkt die Kapsel mit einem Durchmesser von 30cm und einer Höhe von 60cm. Durch quadratische Schaufenster blickt man auf Texte, Grafiken oder Objekte, die einen Bezug zum Ereignis herstellen. An dem Sicher-
heitsglas liest man Details zum Thema und der dargestellten Objekte. Der QR – Code links unten verweist auf eine Internetseite mit weiteren Informationen. Die Lichtquelle erhellt das Objekt bei schlechtem Wetter und in der Nacht.
 
Die Kapsel wird mit Klammern an Laternen, Masten, Bäumen oder Wänden befestigt. Eine Solarzelle in nicht auffälliger Höhe versorgt die Kapsel mit Strom. An der Rückseite befindet sich eine Steckdose, durch die die Kapsel unabhängig von der Solarzelle mit Strom versorgt werden kann oder an die weitere Geräte - so zum Beispiel weitere Kapseln - angekoppelt werden können.
 
Ergänzt wird diese durch weitere kleinere Kapseln in derselben Form mit einem Durchmesser von 7,5cm und einer Länge von 15cm. Durch zwei statisch befestigte, aber biegsame Kabel werden zwei solcher Kapseln mit Strom versorgt und gleichzeitig vor Diebstahl geschützt. Die Kapseln lassen  maximal 7,5m ausziehen und an weitere Steckdosen anschließen. 
 
Die akustische sowie die olfaktorische Kapsel sind eigenständige Module und können ausgetauscht werden. Je nach Ereignis werden die Kapseln unterschiedlich miteinander kombiniert. Das System ermöglicht eine freie Zusammenstellung der Kapseln und kann so an den Inhalt angepasst werden. Die Höhe der jeweiligen Kapsel hängt von der Kombination ab. Für eine praktische Anwendung für Rollstuhlfahrer und Kinder werden die Kapseln in einer Höhe zwischen 1m und 1,4m befestigt.
 
In den kleinen Kapseln werden Informationen entweder akustisch oder olfaktorisch vermittelt. Lautsprecher und Mini-Sound-Player werden in der einen, ein Parfümflakon mit Ballpumpe in der anderen installiert. Durch das Drücken der Ballpumpe werden jedes Mal leichte Düfte ausgebreitet. Die wiederverschließbare Klappe hilft, den Geruch längere Zeit zu konservieren. 
 
Alle Kapseln haben eine aufklappbare Klappe, die sich mit einem Schloss verriegelt lässt, um nicht öffentlich zugänglich zu sein. Der Inhalt der Kapsel ist einfach zugänglich und austauschbar. Auch können Defekte an der technischen Ausstattung so leicht behoben werden.
 
Die Kapseln bestehen aus Cortenstahl. Er ist ein wetterfester Baustahl, da er durch Beimischung anderer Metalle korrosionsbeständig gemacht wird. Optisch wirkt er veraltet, was dem  Kern des Konzeptes entspricht: Die Kapsel zeigt die verborgenen, vergrabenen und vergessenen Ereignisse, die zugleich eine Verbindung zwischen Geschichte, Gedächtnis und Gefühlen schafft.